Was passiert, wenn Plastik zum Nährstoff wird…

Was passiert, wenn Plastik zum Nährstoff wird…

 

Vor längerer Zeit bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass aufgrund der Evolutionsfreudigkeit von Bakterien, in nicht ferner Zukunft neue Organismen entdeckt werden, die in Lage sind, Plastik als Nährstoff zu nutzen. Ich war sogar bereit, darauf zu wetten. Als ich dann zu meiner Enttäuschung entdeckt habe, dass sie bereits entdeckt wurden, bevor ich sie ankündigen konnte, hatte ich meine Absicht, darüber zu schreiben launisch wieder aufgegeben.

Das Thema ist mir aber immer wieder in den Sinn gekommen und ich habe die Lust verspürt, mir, der Phantasie freien Lauf lassend auszumalen, welche Folgen die Erschließung dieser neuen Nährstoffquelle haben könnte, wie diese neue Ära, das Plastozän, aussehen könnte.

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Jährlich landen ca. 10 Mio Tonnen Plastik, größtenteils durch Flüsse, im Meer. Insgesamt liegt die Anzahl von Tonnen Plastik in den Meeren wohl im unteren dreistelligen Millionenbereich.
Ca. 70% sinken auf den Meeresgrund, 15% schwimmen an der Oberfläche und 15% werden wieder an Land geschwemmt.
Die Plastikteile kommen in allen Größen, von ganzen Flaschen, Tüten, Kanistern oder Fischernetzen bis zu pulverisiertem Plastik (Mikroplastik) vor.
88% der weltweiten Meeresoberflächen sind mit Mikroplastik verschmutzt.
Es gibt mehrere riesige Müllstrudel in den Ozeanen. Der größte, hinsichtlich der Plastikmenge, ist der Great Pacific Ocean Garbage Patch im Nordpazifik. Er ist vergleichbar mit der Größe Mitteleuropas und beinhaltet ca. 100 Mio Tonnen Plastik.

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Was passiert, wenn all dieses Material als Nahrungsquelle verfügbar wird?

Als erstes bedeutet es, dass eine ungeheure Menge bisher nicht nutzbarer Materie als potentielle Biomasse zur Verfügung steht. Viele Millionen von Tonnen. Selbst als biologisch unverwertbares Material hat es schon zur Entstehung neuer Biotope beigetragen, indem es als Substrat für eine Vielzahl von Organismen dient, die sich an dessen Oberfläche anhaften. Mit der Möglichkeit, Plastik in Biomasse zu umzuwandeln, entstehen ganz neue Ökosysteme und Nahrungsketten mit globalen Auswirkungen.

Das Interessante ist, dass sich auf diese Weise ein Kreislauf schließt. Plastik war schon einmal Biomasse. Der in ihm enthaltene Kohlenstoff ist vor langer Zeit von Pflanzen, durch Photosynthese, aus Kohlendioxid in organische Materie überführt worden. Die Energie, die in den Kohlenstoffketten des Plastiks gebunden ist, und z.B. frei wird, wenn wir Plastik verbrennen, ist Sonnenenergie, die durch Photosynthese in chemische Energie umgewandelt wurde und so den Pflanzen für ihre Bedürfnisse zur Verfügung gestellt wurde. Riesige Mengen dieser Pflanzen sind dann durch komplexe Vorgänge in Erdöl verwandelt worden. Und aus Erdöl wird Plastik hergestellt. Seit der Ablagerung der Pflanzen, aus denen später Erdöl wurde, bis heute, dem Beginn des Plastozäns, war dessen Biomasse dem Nährstoffkreislauf der Erde entzogen. Mit der Entstehung von Organismen, die Plastik verwerten können, kehrt diese Materie in den Kreislauf zurück.

Noch scheint die Effizienz der Verwertung reichlich Entwicklungspotential aufzuweisen. In Experimenten war der beobachtete Abbau von Plastik durch erste gefundene plastikfressende Bakterien sehr langsam.

Das Bakterium Ideonella sakaiensis zerlegt mithilfe von zwei Enzymen den weit verbreiteten Kunststoff PET (Polyethylenterephthalat) in zwei ungefährliche Stoffe. Nach 6 Wochen bei 30 Grad Celsius hatten die Bakterien einen dünnen PET-Film vollständig abgebaut.

Das hört sich noch nicht nach einer umwälzenden Entwicklung an. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass PET nur eine von vielen Plastikarten ist.

Aber wenn in der Evolution einmal der Anfang einer neuen Entwicklung gemacht ist, kann ein unaufhaltsamer Prozess fortschreitender Perfektionierung und die Radiation in eine Vielzahl unterschiedlicher Organismen beginnen. In diesem Fall von Plastikfressern oder Plastophagen.

Es wird zu einer Zunahme der Biomasse der Meere kommen, in allen Tiergruppen, von Bakterien bis hin zu Fischen und Meeressäugern. Man kann sich auch vorstellen, dass nicht nur Bakterien in den Genuss des Plastikverzehrs kommen. Viele Tiere beherbergen Bakterien in ihrem Darm, die es ermöglichen gewisse Substanzen zu verwerten. Kühe verdauen auf diese Weise Cellulose und Termiten Holz. Es ist denkbar, dass z.B. Meeresschnecken mithilfe von Plastophagen im Darm Plastik verwerten werden.

Natürlich ist die neue Nährstoffquelle begrenzt. Sie wird sich irgendwann erschöpfen. Nach einer, möglicherweise in naher Zukunft beginnenden, explosionsartigen Entwicklung von Plastophagen (die Plastozänische Explosion), wird sich ein Gleichgewicht einstellen, mit mehr oder weniger stabilen Ökosystemen. Der üppige Vorrat an Plastik wird aber langsam immer spärlicher werden und ein Teil der Plastophagen wird wieder aussterben. Es wird irgendwann dazu kommen, dass Plastik zu einem seltenen Rohstoff wird und man die einst so zahlreich anzutreffenden Plastophagen mühsam suchen muss. Aber solange auch nur geringe Mengen von Plastik ins Meer gelangen, wird es sie geben.

Das Plastozän beschränkt sich in seinen Auswirkungen aber nicht auf die Meere. Da Bakterien die Angewohnheit haben, auch mit wildfremden Bakterien, mit denen sie nicht einmal entfernt verwand sind, Sex zu haben, d.h. genetisches Material auszutauschen, ist es unvermeidbar, dass auch im Süßwasser und am Land lebende Bakterien die neue Fähigkeit erlangen werden. Die Ausbreitung könnte allerdings genauso gut in umgekehrter Richtung verlaufen.

Auch für den Menschen wird es daraufhin direkte Auswirkungen geben. Die Bakterien werden sich voraussichtlich nicht darauf beschränken, Plastikmüll zu fressen, sondern alles verfügbare Plastik anknabbern. Schiffe, Boote, Pumpen, Sanitäranlagen, Dichtungen, Schwimmbäder, Schleusen, Wasserrohre, Kabelisolierungen, Kanister, künstliche Herzklappen und vieles mehr sind vor den Plastophagen nicht mehr sicher. Es werden beträchtliche Schäden entstehen und man muss neue technische Lösungen finden. Vielleicht entwickelt man für Bakterien unverdauliche Plastikarten und vielleicht entstehen dann neue Plastophagen, die in der Lage sind, die neuen Materialien zu verwerten. Ein Wettrüsten, wie wir es bei Antibiotika kennen.

Ein weiterer problematischer Aspekt ist, dass Plastik neben den appetitlichen Kohlenstoffketten viele z.T. giftige Zusatzstoffe enthält, die beim Abbau freigesetzt werden. Welche Folgen das haben wird, ist schwer vorhersehbar. Das schlimmste Szenario ist eine Vergiftung der Meere, das ein Massensterben zur Folge hat. Das andere Extrem wäre, dass die freigesetzten Substanzen sich in den immensen Weiten der Ozeane so sehr verdünnen, dass sie keine besonderen Auswirkungen haben.
Es wäre ein interessantes Forschungsprojekt, dieser Frage nachzugehen.

Es gibt weitere Dinge, mit denen man sich schon heute angesichts des herannahenden Plastozäns beschäftigen kann.

Man könnte beginnen, alle technischen Produkte zu katalogisieren, die von der Plastolyse betroffen sein werden, um Gegenmaßnahmen ins Auge zu fassen.

Man könnte systematisch versuchen, zu ergründen, welche anderen Auswirkungen auf uns zu kommen, denn dies hier ist nur ein etwas spielerisches Brainstorming. Z.B. könnte der CO2-Gehalt der Atmosphäre zunehmen.

Man könnte die Verbreitung von Plastophagen weltweit monitorieren (Ideonella sakaiensis ist gewiss nicht allein), um dessen Evolution live zu dokumentieren. Eine wohl einmalige Gelegenheit.

Denn das alles wird passieren. Wollen wir wetten?

 

 

 

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The Arrival of the fittest – Rezension

Andreas Wagner: „The Arrival of the Fittest Wie das Neue in die Welt kommt. Über das größte Rätsel der Evolution“, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2015, 413 S. 24,99 Euro

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Der Titel dieses Buches ist einem Zitat Hugo de Vries entlehnt:

„Natural Selection may explain the survival of the fittest,
but it cannot explain the arrival of the fittest“.

Die Selektion kann gut beschreiben, wie Innovationen, die in einzelnen Individuen auftreten, sich auf ganze Populationen ausbreiten können. Wie diese neuen Merkmale entstehen, erklärt sie nicht.

Man kennt zwar eine Reihe von Beispielen für die Entstehung von Neuheiten in Organismen, es fehlt aber ein Prinzip, ein Modell, in das diese Beispiele und allgemein das Auftauchen von Innovationen eingebettet werden können. Der Autor präsentiert hier ein solches Konzept, das er mit seinem Team erarbeitet hat.

Seine Erläuterungen sind eingebettet in einen, an sich schon äußerst lesenswerten, biologiegeschichtlichen Kontext voller interessanter Reflexionen und Querbezüge. Die Entwicklung der Vorstellungen über die Vielfalt der Lebensformen, ihrer Veränderungen (oder Konstanz), der Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie, wird von Aristoteles bis heute, nachvollzogen. Der rote Faden ist dabei, dass die Geschichte des Lebens eine Geschichte von Innovationen ist und dass man darüber bis jetzt nicht viel wusste. Man begnügt sich mit der Ansicht, dass Innovationen als zufällige Veränderungen des Erbguts unvorhersehbar und regellos auftauchen. Es gelten im Prinzip noch immer Darwins Worte:

„Ich habe bisher von den Abänderungen so gesprochen, als ob sie vom Zufall abhängig seien. Dies ist natürlich eine ganz inkorrekte Ausdrucksweise; sie dient vielmehr dazu, unsere gänzliche Unwissenheit über die Ursache jeder besonderen Abweichung zu bekunden“.

Diese Ausführungen münden erst am Ende des zweiten Kapitels in der Aussage, dass Innovationen in Lebewesen in drei Bereichen stattfinden können. Im Stoffwechsel (neue Kombinationen chemischer Reaktionen), in Makromolekülen (neue Proteine und RNA) und in der Regulation (neue Kombinationen der Aktivierung von Genen).

Im dritten Kapitel beginnt der Autor, seine eigentlichen Ideen vorzustellen. Dazu bedient er sich des Konzepts der Universalbibliothek, das er dann auf biologische Phänomene anwenden wird. Eine Universalbibliothek ist die Gesamtheit aller möglichen Bücher (aller möglichen Kombinationen der Buchstaben des Alphabets). Bei einer Länge von 500.000 Zeichen, einem Buch durchschnittlicher Länge, gibt es bei 26 verschiedenen Buchstaben 26500.000 oder 10700.000 verschiedene, meist sinnlose, Bücher. Eine hyperastronomische Zahl. Im Vergleich dazu beträgt die Anzahl der Protonen im ganzen Universum schätzungsweise ca. 1090. Eine derart riesige Zahl unterschiedlicher Objekte lässt sich nicht einmal annäherungsweise handhaben, ordnen oder beschreiben. Es gibt aber ein prinzipielles Ordnungskonzept. Man stelle sich vor, dass jedes Buch eine gewisse Anzahl von Nachbarn hat, die sich jeweils in nur einem Buchstaben vom ersten unterscheiden. Jedes dieser Nachbarn hat wiederum Nachbarn, die sich in einem Buchstaben unterscheiden usw. Auf diese Weise lässt sich, zumindest prinzipiell, die gesamte gigantische Bibliothek in einer vieldimensionalen Struktur anordnen. Ein chaotischer Haufen einer Unzahl verschiedener Dinge hat eine Ordnung bekommen. Man kann jedem theoretisch eine Koordinate in diesem System zuordnen.

Dieses Konzept überträgt Wagner dann auf die drei Innovationsquellen Stoffwechsel, Makromoleküle und Regulationsschaltkreise. Auch in diesen Bereichen gibt es hyperastronomisch große Zahlen von Variationsmöglichkeiten und sie können anhand von Nachbarschaften organisiert werden, wie oben beschrieben. Man kann die Gesamtheiten (oder Bibliotheken, um in der Metapher zu bleiben) z.B. aller möglicher Proteine mit 100 Aminosäuren, aller möglicher Stoffwechselprofile mit 1000 Reaktionen oder aller möglicher Regulationsschaltkreise mit 20 Regulatoren nach diesem Prinzip erstellen und mithilfe leistungsstarker Computer untersuchen. Dies hat Wagner getan und dabei wesentliche Erkenntnisse über die Frage der Innovationfähigkeit komplexer Systeme erlangt, die weit über die bisher etwas fatalistische und vage Sichtweise der zufälligen Mutationen hinausgeht.

  • Wie können Veränderungen stattfinden, während das Bestehende aufrechterhalten wird? Bei jeder Veränderung müssen alle Funktionen und Strukturen eines Organismus aufrecht erhalten werden. Diese Kondition veranschaulicht der Autor mit der Aufgabe, ein Flugzeug während des Flugs weiterzuentwickeln, ohne abzustürzen. Die Antwort liefern sogenannte Genotyp-Netzwerke, die Populationen „erkunden“ können, ohne ihre Eigenschaften einzubüßen.
  • Wie können komplexe Strukturen spontan entstehen, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines solchen Vorgangs gegen Null geht? Diesem beliebten kreationistischen Argument wird hier jede Grundlage entzogen, da jeder Phänotyp von einer Unzahl verschiedener Genotypen hervorgebracht werden kann.
  • Die Eigenschaften, die auf dem komplexen Zusammenspiel vieler Elemente beruhen, weisen auf allen Ebenen eine unerwartet hohe Robustheit auf. Es können erstaunlich viele Elemente geändert werden, ohne dass die untersuchte Eigenschaft sich ändert.
  • Robustheit erfordert einen Mindestgrad an Komplexität und nimmt mit steigender Komplexität zu.
  • In jeder Bibliothek gibt es eine vollkommen unerwartet hohe Anzahl von unterschiedlichen Büchern mit der gleichen Bedeutung, von Kombinationen der jeweiligen Elemente, mit der gleichen Eigenschaft (z.B. die Katalyse einer bestimmten Reaktion).
  • Die wohl wichtigste erlangte Erkenntnis ist die Tatsache, dass diese Variationen untereinander in einer gewissen Art von Verbindung stehen. Mit dem o.g. Kriterium der Nachbarschaft bilden sie Netzwerke synonymer Variationen, in denen man von einer zur anderen durch die Veränderung nur jeweils eines einzigen Elementes gelangt. Von diesen Schritten (neutralen Mutationen) können unvorstellbar viele getan werden, ohne die betrachtete Eigenschaft zu verändern! Es können sogar so viele sein, dass zwei weit auseinanderliegende Variationen kein einziges Element gemeinsam haben, und trotzdem den gleichen Phänotyp aufweisen.
  • Jede Position in einem solchen Genotyp-Netzwerk repräsentiert zwar den gleichen Phänotyp, aber die jeweiligen Nachbarschaften sind unterschiedlich. Jede Variante, jeder Genotyp, hat ja nicht nur synonyme Nachbarn, sondern auch solche mit abweichendem Phänotyp. Diese stellen potentielle Innovationen dar. Eine Population kann sich also so lange im Genotyp-Netzwerk umher bewegen und verschiedene Nachbarschaften erkunden (und dabei ihren Phänotyp beibehalten), bis sie auf eine Neuerung stößt, die vorteilhaft ist. In dem Moment verlässt sie ein Genotyp-Netzwerk und betritt ein anderes, dass ebenso erkundet und wieder verlassen werden kann.
  • Das in höchstem Maße unerwartete und folgenreichste Phänomen, auf das man stieß, ist wohl folgendes: Es wurde gezeigt, dass innerhalb einer Bibliothek jeder beliebige darin vorkommende Phänotyp von jeder beliebigen Position in der Bibliothek mit einer erstaunlich geringen Anzahl von Schritten erreicht werden kann! Mit anderen Worten, jeder erdenkbare Phänotyp einer biologischen Struktur liegt immer in verwirklichbarer Reichweite.

Ich bin mir bewusst, dass der Versuch, diese abstrakten Zusammenhänge in wenigen Zeilen widerzugeben, nicht gelingen kann. Sie lassen aber vielleicht erahnen, dass wir es hier mit einem neuen theoretischen Instrumentarium zu tun haben, das neue Erkenntnisse in der Evolutionsbiologie ermöglicht. Der Anwendungsbereich geht sogar über die Biologie hinaus. Es wird gezeigt, wie diese Ansätze sich auch auf technologische Neuerungen ausweiten lassen.

Nicht alle Erneuerungen in der Geschichte des Lebens werden vom vorgestellten Konzept erfasst. Es beschreibt effizient die Veränderungen,  die auf Punktmutationen und Genmultiplikation beruhen. Ereignisse, die größere Veränderungen bewirken, wie Chromosomenmutationen und Genommutationen, oder Interaktionen zwischen verschiedenen Arten beinhalten, liegen außerhalb des Modells. Beispiele sind die Aufnahme fremder DNA ins Erbgut, z.B. durch Retroviren, Hybridisierungen und Symbiosen bis hin zur Entstehung der ersten Eukarioten aus verschiedenen Prokarioten.

Ein Begriff, der wiederholt im Text auftaucht, ist die Selbstorganisation, die von der atomaren Ebene über Moleküle, belebter und unbelebter Materie bis zur Bildung von Galaxien überall anzutreffen ist. Er ist zwar faszinierend, trägt aber nicht zum Verständnis oder zur Erklärung von Phänomenen bei, sondern ist ihr Resultat und keine autonome treibende Kraft.

Die in diesem Buch vorgestellten Ergebnisse sind so bedeutsam für das Verständnis der Evolutionsmechanismen, dass sie hoffentlich bald von anderen Wissenschaftlern verifiziert werden, um sie auf den Rang gesicherter wissenschaftlicher Tatsachen zu befördern und dass sie Anwendung in der Erforschung konkreter Evolutionsprozesse finden.

Das Konzept der Reproduktiven Einheit klärt die Frage des Altruismus bei sozialen Hymenopteren

Das Konzept der Reproduktiven Einheit klärt die Frage des Altruismus bei sozialen Hymenopteren

Westliche Honigbiene

Altruistisches Verhalten und Kooperation werden unter anderem mit Verwandtenselektion (kin selection) erklärt. Sie besagt, etwas vereinfacht, dass ein Individuum einen „Nutzen“ davon hat, andere Individuen mit einem hohen prozentualen Anteil gemeinsamen Erbguts unter Aufbringung von Kosten zu unterstützen.

Diese Auffassung wird zum einen, z.B. von E.O. Wilson, generell abgelehnt, zum anderen immer wieder als Erklärung für das Kooperative Verhalten sozialer Insekten herangezogen.

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Ich habe mir dazu folgende Gedanken gemacht:

– Was ist mit „Nutzen“ in evolutiver Hinsicht gemeint?
– Das eigene Erbgut in die nächste Generation zu bringen.

– Wer hat diesen „Nutzen“?
– Die Gene, die in die nächste Generation gelangen.

– Wie wird dieser Nutzen zustande gebracht?
– Durch gewisse phänotypische Eigenschaften (Morphologie, Physiologie, Stoffwechsel, Verhalten…).

– Wie kommen diese phänotypischen Eigenschaften zustande?
– Durch genotypische Eigenschaften (nicht nur, aber die interessieren uns hier hauptsächlich, da sie vererblich und daher evolutiv relevant sind).

Es ist also kein autonom wirkendes Naturgesetz, das bewirkt, dass alle Lebewesen verwandte Individuen, aufgrund eines hohen Anteils an gemeinsamen Erbguts, auf eigene Kosten unterstützen. Es müssen Gene vorhanden sein, die dies bewerkstelligen. Derartige Gene erhöhen ihre Wahrscheinlichkeit, in der folgenden Generation vertreten zu sein und werden sich in der ganzen Population verbreiten. Es ist nicht gesagt, dass alle Arten Gene besitzen, die Verwandtenselektion bewirken. Aber da wo sie aufgetaucht sind, werden sie sich stabilisiert haben. Daher sind Altruismus und Kooperation unter Verwandten so weit verbreitet.

Jetzt möchte ich mich den sozialen Insekten mit sterilen Arbeiterinnen zuwenden und zwar den meistzitierten, den Bienen.

Die Arbeiterinnen haben aufgrund der haplodiploiden Fortpflanzungsweise der Biene einen Verwandtschaftsgrad von 75%.
Würden sie eigene Nachkommen erzeugen, hätten sie mit diesen einen Verwandtschaftsgrad von nur 50%.
Der Schluss, der daraus gezogen wird ist, dass es „vorteilhafter“ sei auf eigene Fortpflanzung zu „verzichten“ und stattdessen Schwestern zu unterstützen.

Diesen Gedankengang findet man in unzähligen Veröffentlichungen. Er ist aber falsch.

Man bedenke, dass der „Nutzen“ darin besteht, möglichst viele Kopien der eigenen Gene in die folgende Generation zu bringen. Wenn ein Individuum darauf verzichtet, eigene Nachkommen zu produzieren, um stattdessen eine Schwester zu unterstützen, die ebenfalls keine Nachkommen haben wird, entsteht dadurch kein „Vorteil“. Stellen wir uns ein etwas extremes Beispiel vor (das in der Natur natürlich nicht so stattfinden würde). Eine Biene wird verletzt und verliert einen Flügel. Sie ist hilflos, kann nicht mehr fliegen und nicht zum Nest zurückkehren. Eine aufopferungsvolle Schwester schleppt sie in ein Erdloch, um sie vor Fressfeinden zu schützen und bringt ihr täglich Nahrung, bis an Ihr Lebensende. Die gute Schwester hat natürlich meine volle Sympathie. Mit Verwandtenselektion könnte dies aber nicht erklärt werden, nicht einmal, wenn ihr Verwandtschaftsgrad 100% betrüge. Irgendwann werden beide sterben und beide werden keine Nachkommen haben. Ihre Gene sind in einer Sackgasse. Sie können nie in die nächste Generation gelangen. Man könnte sie am besten mit Somazellen vergleichen. Sie befinden sich nicht in der Keimbahn. Es ist so als ob man die Funktion der Leberzellen (oder anderer somatischer Zellen) damit erklären wollte, dass sie darauf verzichten, eigene Nachkommen zu erzeugen und stattdessen die anderen Zellen des Körpers mit ihrer Arbeit am Leben halten, weil sie so eng (zu 100%) mit ihnen verwandt sind. Das genetische Material der Somazellen ist in einer Sackgasse, wie das der Arbeiterinnen. Wenn man hingegen sagt, die Leberzelle begünstigt mit ihrer Arbeit die Entstehung von Nachkommen des Körpers, der reproduktiven Einheit, z.B. eines Eichhörnchens, der sie angehören, macht es wieder Sinn.
Die Leberzelle ist eine phänotypische Eigenschaft eines Tieres, einer reproduktiven Einheit, und trägt somit zu ihrer Fitness, positiv oder negativ, bei.

Es gibt verschiedene Organisationsstufen der Lebewesen: Zellen – Individuen – reproduktive Einheiten.

  • Einzeller sind sowohl Zellen, als auch Individuen, als auch reproduktive Einheiten.
  • Mehrzellige Organismen sind sowohl Individuen als auch reproduktive Einheiten und bestehen aus vielen Somazellen und vergleichbar wenig Keimzellen.
  • Ein Bienenstaat ist eine reproduktive Einheit und besteht aus vielen Individuen, von denen alle, bis auf die Königin, sich nicht reproduzieren und nur aus vielen Somazellen bestehen.

Da in der Regel Individuum und reproduktive Einheit identisch sind, besteht meist kein Bedarf für letzteren Begriff. In den wenigen Fällen, in denen keine Übereinstimmung besteht, ist die Unterscheidung aber nützlich.

Den Bienenstaat als reproduktive Einheit zu betrachten, vereinfacht die Sichtweise erheblich und macht die Suche nach Erklärungen für ein vermeintliches altruistisches Verhalten der Arbeiterinnen so überflüssig wie die für die Kooperation zwischen benachbarten Muskelzellen oder die zwischen Herz und Lunge.